Judas, der Bruder Jesu

Kirche der Hilflosen in Sanlúcar de Barrameda

In der kleinen Kirche Iglesia de los Desamparados (etwa: Kirche der Hilflosen) in Sanlúcar de Barrameda im Süden Spaniens fand ich kurz vor dem Ausgang in einer etwas dunklen Ecke einen unscheinbaren Altar mit einem Hinweisschild, welches den Besucher dazu auffordert, an dieser Stelle bei Bedarf den heiligen Judas Thaddäus (spanisch: Judas Tadeo) anzurufen. Wie, den heiligen Judas anrufen?

Irgendwie schien mir dies ein interessantes Thema zu sein und ich nahm mir vor, der Sache mit dem heiligen Judas nachzugehen.

Es spricht Einiges dafür, dass vor etwa 2000 Jahren der Rufname Judas im heutigen Israel und Palästina ein Modename war, ähnlich wie es zeitweise bei uns ganz viele Justins, Kevins und Chantals gab. Denn bei näherem Hinsehen kommen mindestens drei Männer mit Namen Judas im Neuen Testament vor.

Judas gibt Jesus den Judaskuss, womit er diesen an seine Häscher verrät

Der wohl bekannteste dieser Judase im Neuen Testament wird als Judas Ischariot benannt. Er ist der Urbösewicht, Judas der Verräter, Judas, der geldgierige Urjude. Er gab Jesus vor der ersten Karfreitagsnacht den Judaskuss, womit er diesen gegen Cash (Judaslohn) an seine Häscher verriet. Er hat diese Untat durch seinen Freitod mit seinem Leben bezahlt, sein Leben geopfert für unsere Erlösung. Denn ohne seinen Verrat wäre Jesus Christus vielleicht ganz friedlich in seinem Bett gestorben und seinen Erlösertod hätte es nie gegeben, Gottes großartiger Heilsplan für die Menschen auf Erden wäre im Eimer gewesen. Natürlich wäre damit auch das Christentum komplett ausgefallen.

Die Rolle von Judas Ischariot hat viele kluge Diskussionen angeregt. Der Philosoph Louis Aimé Marin hat versucht, die Rolle von Judas Ischariot und seine Beziehung zu Jesus versucht mit folgender mathematischen Formel zu fassen:

Fx(a) :  Fy(b)  = Fx(b) : Fa-1(y)

Diese soll so verstanden werden, dass der Übergang Gottes vom Tod zum übernatürlichen Leben äquivalent ist zum (bewirkten) Übergang des Menschen vom Tod zum Leben Gottes. Der Vermittler Jesus wird im zweiten Glied der Formel mit Fx(b) repräsentiert. Ich muss zugeben, dass ich hier komplett überfordert bin. Gleichzeitig bin ich begeistert, dass jemand einen Glaubensgrundsatz in eine mathematische Formel packt.

Judas Thaddäus, einer der 12 Apostel Jesu

Der zweite Judas ist Judas Thaddäus. Dieser Judas ist einer der 12 Apostel Jesu, einer der eher unbekannten Apostel. Er gilt als Heiliger für besonders schwere Fälle, Nöte und Anliegen. Diesem heiligen Mann ist der Altar in der Iglesia de los Desamparados in Sanlucar de Barameda gewidmet. Seine Verehrung ist noch recht jung, sie begann vor über 200 Jahren. In dieser Zeit war die Hafenstadt am Guadalquivir der Ausgangspunkt für Eroberung und Ausbeutung Lateinamerikas.

Dann gibt es da noch einen dritten Judas, den Bruder Jesu. Jesu Brüder werden an mehreren Stellen im Neuen Testament erwähnt. Sie hießen Jakobus, Josef, Judas und Simon. Zudem werden auch Schwestern erwähnt, von denen allerdings keine Namen genannt werden.

Darstellung der Heiligen Familie – als klassische Kleinfamilie

Dass Jesus in einer Großfamilie aufwuchs, vermutlich in einer Patchworkfamilie, finde ich persönlich sehr sympathisch, entspricht aber nicht ganz der offiziellen Darstellung der Heiligen Familie. Dort werden Jesu Geschwister komplett ignoriert. Es gab wohl ein Kompatibilitätsproblem mit dem Jungfräulichkeitsdogma der Mutter Maria, das man mit dieser Unterschlagung zu lösen versuchte.

Wir sehen wieder einmal, dass Glauben viel vom Glaubenden abverlangt, mehr als man sich allgemein vorstellt. Ich für meine Person habe daher beschlossen, einfach zu glauben, was ich will.

Links

https://de.wikipedia.org/wiki/Judas_Iskariot

https://de.wikipedia.org/wiki/Judas_Thadd%C3%A4us

https://de.wikipedia.org/wiki/Geschwister_Jesu

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert